Finanzialisierung des Wohnungsmarkts

Written in

von

Gegen Ende der 1990er Jahre wurden öffentliche Wohnungsbestände im großen Stil an Private-Equity-Fonds verkauft (Unger 2018: 205). Ab ca. 2012 wurden diese Bestände in der Gestalt von Börsengängen weiterveräußert (ebd.). Aus Prozessen dieser Art und einigen Fusionierungen resultierte die Entstehung finanzindustrieller Wohnungskonzerne im Stile von „Vonovia“ (Vollmer 2022: 401).[1] Die „Vonovia SE“ ist im DAX notiert (Unger 2018: 205). Das primäre Geschäftsfeld von Konzernen dieser Art besteht in der Genese von Finanz­anlageprodukten, welche auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig sind (ebd.). Der Terminus ‚Finanzialisierung‘ bedeutet im Hinblick auf den Wohnungsmarkt, dass Immobilien zunehmend als derartige Finanzprodukte aufgefasst werden (Heeg 2013: 76). Zentral ist hierbei der Bodenpreis (Belina 2021: 57). Die Spekulation im Hinblick auf steigende oder fallende Bodenpreise ist zu einer relevanten Strategie auf dem Wohnungsmarkt geworden (ebd.). Gewinne, welche durch diese Art von Spekulationsgeschäft realisiert werden, sind insbesondere deshalb attraktiv, weil es sich hierbei um sogenannte ‚leistungslose Gewinne‘ handelt (ebd.). Immobilien fungieren demnach als Investmentmöglichkeit, dessen Attraktivität sich durch die ‚Entwicklung der Wertpapiere‘ ausdrückt (Heeg 2013: 82). Das Kriterium, das darüber Aufschluss gibt, ob von einer Finanzialisierung einer Immobilie gesprochen werden kann, besteht darin, dass diese in ein Finanzanlageobjekt umgewandelt wird (Vollmer 2018: 32). Die Finanzialisierungstendenz auf dem Wohnungsmarkt sollte als Teil des neoliberalen Deregulierungsparadigmas betrachtet werden (ebd.). 


[1] Vonovia ist in Deutschland der größte Vermieter und besitzt zum Beispiel in Nordrein-Westfalen 350.000 Wohneinheiten (Vollmer 2018: 32). Deutsche Wohnen kommt in Berlin auf 150.000 (ebd.). Diese Unternehmen unterscheiden sich signifikant von den klassischen Akteur*innen auf dem Wohnungsmarkt, weil sie keine Kompetenzen im Hinblick auf den Wohnungsbau aufweisen (ebd.).

—————–

Vollmer, Lisa (2018): Strategien gegen Gentrifizierung. theorie.org. Stuttgart: Schmetterling Verlag.

Vollmer, Lisa (2022): Wohnungsfrage und Mieter:innenbewegung in der kapitalistischen Stadt. In: Ivanova, Mirela/Thaa, Helene/Nachtwey, Oliver (Hrsg.): Kapitalismus und Kapitalismuskritik. Frankfurt/New York: Campus Verlag, S. 387–411.

Belina, Bernd (2021): Gentrifizierung und Finanzialisierung. In: Glatter, Jan/Mießner, Michael (Hrsg.): Gentrifizierung und Verdrängung. Aktuelle theoretische, methodische und politische Herausforderungen. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 57–71.

Unger, Knut (2018): Mieterhöhungsmaschinen. Zur Finanzialisierung und Industrialisierung der unternehmerischen Wohnungswirtschaft. In: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 48(191), S. 205–225. doi:10.32387/prokla.v48i191.81.

Schlagwörter

Kategorien

Hinterlasse einen Kommentar

ConneGentri.org – Gentrifizierung in Leipzig-Connewitz

Auf diesem Blog dokumentieren wir Verdrängungsprozesse, Entmietungen sowie Neubautätigkeiten und geben Protestgruppen die Möglichkeit, auf ihre Interessen aufmerksam zu machen. Wir dokumentieren auch gerne euren Fall – schreibt uns eine Mail über das Kontaktformular am Ende der Hauptseite. Gerne stellen wir auch von euch selbst geschriebene Beiträge zur Verfügung. Darüber hinaus wollen wir akademisch belastbare Recherchen zu den Themen Stadtentwicklung, Politische Ökonomie und Protestforschung niederschwellig anbieten.